Eurovision Song Contest 2015: Teilnehmercheck & Prognose

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Am heutigen Samstag findet in Wien der 60. Eurovision Song Contest statt. Bereits am Dienstag und Donnerstag wurden die Finalteilnehmer in den beiden Halbfinals bestimmt. Letzte Gelegenheit, um sich mal mit den verbliebenen 27 Teilnehmerländern auseinanderzusetzen und eine ganz persönliche Prognose zu wagen.

 

01. SlowenienMaraaya – Here For You

Maraaya aus Slowenien eröffnet den Abend. Dieser Startplatz ist doch sehr undankbar, um in den Köpfen der Anrufer zu bleiben. Die richtige Strategie kann nur „Auffallen!“ lauten. Slowenien stattet dafür Sängerin und Pianist mit Kopfhörern auf der Bühne aus, während sie wild zuckt und er ein fiktives Schlagzeug am Klavier imitiert. Ob das die ebenfalls zu sehende Luftgeige ergänzen soll? Maraaya setzt alles auf eine Karte und trägt nicht nur ein ESC-würdiges Brautkleid, sondern verlässt sich auch auf die ESC-typische Windmaschine. Das wird aber wohl kaum helfen.
Prognose: Allenfalls Mittelfeld

02. FrankreichLisa Angell – N’oubliez pas

Die Grande Nation singt selbstverständlich in der Muttersprache! Der Gesang von Lisa Angell ist durchaus kraftvoll, die Ballade aber leider etwas zu seicht und dürfte schnell in Vergessenheit geraten.
Prognose: Unteres Drittel

03. IsraelNadav Guedj – Golden Boy

Nadav Guedj schüttet zu Beginn seiner ‚Mama‘ das offenbar stark schmerzende Herz aus, ehe eine erstaunliche Wandlung auf der Bühne passiert. Denn während drei Tänzer aus dem Einzelauftritt eine Boyband machen, wandelt sich der Jammergesang in eine Dance-Pop-Nummer, die wohl zum Dauerklatschen verleiten soll. Auch ein obligatorischer Tonlagenwechsel ist Teil des israelischen ESC-Konzepts. Der Song macht gute Laune, wirkt aber verdammt gewollt. Darauf fällt doch keiner rein, oder?
Prognose: Unteres Mittelfeld

04. EstlandElina Born & Stig Rästa – Goodbye To Yesterday

Der Beitrag aus Estland ist eine frühe Überraschung. Stig Rästa steht alleine auf der schwarz-weiß eingefärbten Bühne und wartet Gitarre spielend auf Gesangspartnerin Elina Born. Auch wenn ihr Gesicht größtenteils aus Wimpern besteht, ist ihre Stimme einfach großartig! Die beiden harmonieren ganz wunderbar und erinnern sehr an The Common Linnets aus dem Vorjahr. Der frühe Startplatz kann natürlich ein Nachteil sein. Die Qualität des Songs aber ein ganz großer Vorteil.
Prognose: Top 5!

05. GroßbritannienElectro Velvet – Still In Love With You

Die Briten gehen mit Elektroswing an den Start. Die Mischung aus lässigem Swing und modernen Electroelementen ist nicht erst seit Parov Stelar sehr beliebt. Leider ist die Nummer doch etwas eintönig geraten. Zudem wissen wir Deutschen spätestens seit unserem Versuch mit „Alex Swings, Oscar Sings!“, dass Elektroswing beim ESC nichts zu suchen hat.
Prognose: ziemlich weit hinten

06. ArmenienGenealogy – Face The Shadow

Das Bühnenbild erinnert etwas an einen Kult oder eine Sekte. Dazu tragen sicherlich auch die Umhänge der Gesangstruppe bei. Die Power-Ballade hat einen ernsten Hintergrund, beschäftigt sie sich doch mit dem Völkermord an den Armeniern („Dont Deny). Die zweifelsohne starken Stimmen und das imposantes Bühnenbild werden aber wohl nichts daran ändern können, dass auch Songs mit politischer Message nur selten erfolgreich sind.
Prognose: Oberes Mittelfeld

07. LitauenMonika Linkyte & Vaidas Baumila – This Time

Litauen überrascht nicht nur mit sehr guten Stimmen und gutem Englisch, sondern auch eine wirklich positiven Performance. Ein Song aus dem Genre des Folk mit schöner Gitarrenmelodie, bei dem rhythmische ‚Claps‘ und das Banjo natürlich nicht fehlen dürfen. Eine Gute-Laune-Song, der wirklich Spaß macht.
Prognose: Top 5

08. SerbienBojana Stamenov – Beauty Never Lies

Serbien schickt eine übergewichtige Sängerin ins Rennen, die davon singt, dass es völlig in Ordnung ist anders zu sein. Dagegen spricht absolut nichts. Ganz im Gegenteil. Bojana Stamenov hat eine sehr starke Stimme und auch die Bühnenshow mit den Maskenmänner überzeugt zuerst. Leider wandelt sich der Song irgendwann zu einem 0815-Discotrack mit Bumsbeat und eiligem Tempowechsel. Völlig unnötig. Da kann auch die Windmaschine nichts mehr ausrichten.
Prognose: Wegen des Endes leider auch eine Platzierung am Ende

09. NorwegenMørland & Debrah Scarlett – A Monster Like Me

Ein durchaus interessanter Beitrag. Mørland steht anfangs auf der Bühne und singt eine Entschuldigung, wie schlecht er doch gewesen ist bis endlich Debrah Scarlett einsteigt und dem ganzen Song eine sehr interessante Wendung gibt. Eine zuerst sehr schmalzige Ballade, die zum Ende hin richtig Fahrt aufnimmt und zur Powerballade erwächst.
Prognose: Kratzt an der Top 10

10. SchwedenMåns Zelmerlöw – Heroes

Schweden hat bewiesen, dass es beim ESC immer ernst genommen werden muss. Auf und hinter der Bühne. Die Performance von Mans mit den Strichmännchen und die coolen Videoeffekte sind definitiv sehenswert. Und die Damen dürften sich über den gutaussehenden Schweden sicherlich auch freuen. Musikalisch wirkt „Heroes“ aber etwas abgebrüht. Der Clubsound wird zunehmend langatmiger und bleibt letztlich nur ganz netter Dance-Pop.
Prognose: Oberes Mittelfeld

11. Zypern – John KarayiannisOne Thing I Should Have Done

Es gibt Lieder, die hört man sich gerne einmal und dann vergisst man sie wieder. Der Beitrag Zyperns gehört in diese Kategorie. Ein Anzugträger, der alleine auf der Bühne im Rampenlicht steht und ein nettes Lied singt, das von reichlich Gitarrenakkorden und einigen Streichern getragen ist. Das ist leider etwas langweilig. Zudem kommt mir die Melodie die ganze Zeit bekannt vor…
Prognose: Irgendwo bei Platz 20 bis 27

12. AustralienGuy Seabstian – Tonight Again

Für ihr ESC-Debüt schicken die Australier einen wirklichen Superstar aus Down-Under. Guy Sebastian ist Produkt einer australischen Castingshow, kann dementsprechend durchaus singen. Sein Song „Tonight Again“ ist ein sehr hörenswerter Dance-Pop-Song, der mit einem guten Beat daherkommmt. Die Bläser und die Funk-Elemente lassen vor meinem geistigen Auge zwischendurch Bruno Mars erscheinen. Ein ernst zunehmender Beitrag! Abwertungen könnte es aber geben, wenn man Australien aus Prinzip keinen Sieg beim ESC gönnt.
Prognose: Top 5

13. Belgien – Loïc Nottet – Rhythm Inside

Der 19-Jährige liefert einen sehr modernen Auftritt ab. Von einer Kopie von Lorde zu reden wäre nicht fair, Ähnlichkeiten sind aber nicht zu verleugnen. Die Australiern macht das ganze aber etwas überzeugender. Bei Loïc Nottet frag ich mich hingegen, ob er um die Uhrzeit überhaupt noch auf der Bühne stehen darf. Musikalisch könnte der Beitrag aber bei vielen ankommen.
Prognose: Top 10

14. ÖsterreichThe Makemakes – I am Yours

Der Gastgeber präsentiert eine solide Klavierballade. Netter Song, guter Sänger, optisch etwas fragwürdig. Die Worte nett, gut und solide bleiben aber leider keine Garanten auf den Sieg.
Prognose: Mittelfeld

15. GriechenlandMaria-Elena Kyriakou – One Last Breath

Bei Lyrics wie „Come Back And Save Me“,“Nothing Left“ oder dem Titel „One Last Breath“ liegen schlechte Witze zur derzeitigen Situation der Griechen auf den Hand. Sieht man davon mal ab, wirkt die schwere Ballade aber tatsächlich wie ein letztes Aufbäumen. Daran dürften das Klavier, die Streicher und letztlich auch die Windmaschine einen Anteil haben. Die Sängerin, die übrigens wie ein Helene-Fischer-Double wirkt, ist stimmgewaltig. Doch auch der hier uns aufgedrängte Tonlagenwechsel dürfte Griechenland nicht retten – musikalisch.
Prognose: Ziemlich weit hinten. Ganz weit hinten.

16. MontenegroKnez – Adio

Auffällig an montenegros Beitrag ist, dass erst nach quälenden 40 Sekunden der Gesang einsetzt. Tonlagenwechsel? Check. Landessprache? Check. Nützt aber leider auch nichts
Prognose: Letztes Drittel

17. DeutschlandAnn Sophie – Black Smoke

Unsere Verlegenheitskandiatin nach dem Rücktritt des gewählten Andreas Kümmert hat sicherlich eine schwere Position. Leider fehlt ihr sowohl ein guter Song als auch eine überzeugende Stimme, um dies auszugleichen. Teilweise empfinde ich ihren Gesang als Geschrei. Der Beat ist zudem relativ langweilig. Wir hatten bestimmt schon schlechtere Vertreter, aber eben auch deutlich bessere.
Prognose: Mit viel Glück in der ersten Hälfte

18. PolenMonika Kuszynska – In The Name Of Love

Die Interpretin sitzt im Rollstuhl inmitten einer in rosa gefärbten Kulisse und singt eine Klavierballade. Leider überzeugt mich ihre Stimme überhaupt nicht. Für diesen Song ist sie einfach zu schwach.
Prognose: Letztes Drittel

19. LettlandAminata -Love Injected

Bei Aminata aus Lettland bin ich mir nicht so sicher. Ihr Electro-Song ist durchaus interessant. Gleichzeitig ist mit Euphoria diese Lücke bereits vor wenigen Jahren erst mit „Euphoria“ bedient worden. Mich persönlich reizt der Song als ESC-Beitrag nicht. Ich hab aber die Vermutung, dass es anderen Zuhörer sehr gut gefallen wird.
Prognose: Erste Hälfte, mit viel Glück eventuell sogar untere Top 10.

20. RumänienVoltaj – De la capat / All over again

Landessprache, Streicher, Flöte. Rumänien schein sichere ESC-Elemente bedienen zu wollen. Leider ist der Song zu unauffällig. Auch wenn der Zuhörer hier erneut eine politische Botschaft entgegen geworfen bekommt: Die Kritik an Eltern, die wegen der Arbeitssuche Rumänien verlassen und dabei ihre Kinder zurücklassen. Wie schon bei Armenien verhilft eine politische Message jedoch selten zum Sieg.
Prognose: Letztes Drittel

21. SpanienEdurne – Amanecer

Der spanische Beitrag stammt aus der Feder des Komponisten, der für Loreen den Siegertitel „Euphoria“ schrieb. Gewinnchancen sollte man also nicht per se verneinen. Die Sängerin punktet sowohl stimmlich als auch optisch. Spanien haben wir allerdings noch nicht live sehen können. Von einem gelungen Liveauftritt wird es wohl abhängen, wie weit Spanien mit dem Song kommt. Herausragend ist er jedenfalls nicht.
Prognose: Solides Mittelfeld

22. UngarnBoggie – Wars For Nothing
Friedenslieder können gewinnen. Das wissen wir dank Nicole am besten. Und im Jahr 2015 haben sie nach wie vor ihre Berechtigung. Die ungarische Anti-Kriegs-Ballade dürfte dennoch kaum eine Chance haben. Musikalisch mit viel Gitarre und Chor durchaus als Folk-Beitrag gelungen. Weltverbesserungssongs haben aber erfahrungsgemäß wenig Platz beim ESC. Darüber hilft auch die hübsche Interpretin nicht hinweg.
Prognose: Unteres Mittelfeld

23. GeorgienNina Sublatti – Warrior

Der georgische Auftritt weckt Erinnerungen an Ruslana, die ukrainische Siegerin aus dem Jahr 2004. Starke Trommeln, eine kräftige Stimme, dem Titel entsprechend kriegerische Gesten sprechen für einen interessanten Beitrag. Nina Sublatti singt, als ginge es um ihr Leben. Das kommt irgendwie gut an. Zudem ist der Song eingängig.
Prognose: Top 5

24. AserbaidschanElnur Hüseynov – Hour Of The Wolf

Der Song startet langsam, baut sich dann auf, um sehr tragend zu werden. Nach dem ersten Höhepunkt verkümmert der Wolfsschrei aber. Da hätte ich doch mehr erwartet.
Prognose: Bestenfalls Mitte.

25. RusslandPolina Gagarina – A Million Voices

Es wirkt schon fast ironisch, dass Russland mit einer Friedensballade an den Start geht. Polina Gagarina schmeisst sich dafür in ein Outfit, das irgendwo zwischen Hochzeit und Marylin Monroe einzuordnen ist, um dann die Powerballade mit überzeugender Stimme zu schmettern. Russland scheint hier tatsächlich einem perfekten Rezept für einen ESC-Beitrag gefolgt zu sein. Letztlich wird der politische Konflikt diesen wirklich gelungenen Song aber überlagern.
Prognose: Leider nur ein Platz im oberen Mittelfeld

26. AlbanienElhaida Dani – I’m Alive

Der erste Beitrag, bei dem ich tatsächlich überlegt habe den Ton auszuschalten. Albaniens Auftritt im Halbfinale war meines Erachtens alles andere als gelungen. Vielleicht hatte die Sängerin auch nur einen schlechten Tag. In Italien hat sie immerhin „The Voice“ gewonnen. Der Song ist mir aber zu platt und langweilig. Außerdem leidet Elhaida Dani mir zu sehr auf der Bühne.
Prognose: Ziemlich weit hinten

27. ItalienIl Volo – Grande Amore

Zum Abschluss noch einmal ein erfreulicher Beitrag, der einem Gesangswettbewerb würdig ist. Italien entsendet drei Opernsänger nach Wien, um mit einer Klavierballade den Sieg Heim zu holen. Wenn auf italienisch von der großen Liebe gesungen wird, klingt alles irgendwie romantisch. Selbstverständlich trieft dieser Beitrag von Schmalz. Die tollen Stimmen entschädigen dafür aber.
Prognose: Top 5

Meine Prognose:

1. Litauen
2. Georgien
3. Italien

4. Estland
5. Australien
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6. Belgien
7. Norwegen
8. Lettland
9. Schweden
10. Russland
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11. Armenien
12. Österreich
13. Spanien
14. Deutschland
15. Israel
16. Ungarn
17. Aserbaidschan
18. Slowenien
19. Frankreich
20. Zypern
21. Montenegro
22. Polen
23. Rumänien
24. UK
25. Serbien
26. Griechenland
27. Albanien

Mal schauen, wie es tatsächlich ausgeht. Immerhin stimmen heute mehrere hundert Millionen Zuschauer ab!

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